Intoleranz – die „Cancel Culture“

Die Toleranz von Morgen

Für ein friedliches und glückliches Zusammenleben ist Toleranz sehr wichtig, so sagt man. Tolerant ist, wer andere Menschen so hinnimmt wie sie sind und ihre Einstellungen und Verhaltensweisen nicht verurteilt. … Toleranz bedeutet nicht, andere Meinungen eins zu eins zu übernehmen und eigenen Ansichten aufzugeben. Es bedeutet auch mal andere Ansichten stehen lassen zu können!

Wie ist es um die Toleranz derzeit Bestellt?

Redewendungen, Worte und Bezeichnungen werden durch Vergenderung umformuliert ausgetauscht oder zensiert. Alte Filme und Serienfolgen werden aus den Archiven gelöscht, Statuen werden gestürzt, Referenten und Dozenten ausgeladen und in Medien und Wirtschaft werden Menschen entlassen, die als falsch empfundene Positionen vertreten, die die heilige Dreifaltigkeit von Gleichheit, Diversität und Inklusion verletzen.

Zusammengefasst heißt dieser neue Trend „Cancel Culture“. Befürworter sprechen von einem „Gerichtshof der öffentlichen Vernunft“, Gegner von der Herrschaft eines selbstgerechten Mobs, der vor allem über Shitstorms auf Twitter kommuniziert. Ziel dieser „Cancel Culture“ ist nicht nur die systematische Boykottierung, Verbannung und Annullierung von Werken und Personen aus dem öffentlichen Leben, sondern auch einer konsequenten Unterdrücken von allem, was ihre Ansichten nicht wiederspiegelt. Sie ist eine Anti-Aufklärung, die Intoleranz im Namen der Toleranz pflegt, ein vermeintlicher Volksgerichtshof der politischen Korrektheit. Die „Cancel Culture“ ist im Westen bereits fest etabliert und macht sich mit immer absurderen Auswüchsen bemerkbar.

„Cancel Culture“ hat nichts mit einem konstruktiven Dialog oder gar einer Debatte zu tun, bei der es um den Austausch von Argumenten geht. Ziel ist es vielmehr, mittels Diffamierung und persönlichen Attacken über sogenannte Shitstorms Menschen mundtot zu machen. Und hier schwebt vor allem die Bedrohung der materiellen Existenz im Raum. „Cancel Culture“ wird in der Praxis schnell zu einer Art „Berufsverbot“ für Andersdenkende.

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Diese systematische Diffamierung und Boykottierung von anderen Meinungen und Ansichten ist nicht nur eine Gefahr sondern auch ein großes Problem unser heutigen Zeit. Demokratie und Meinungsfreiheit steht einer aggressiven „Cancel Culture“ gegenüber, die alles was nicht ihren Ansichten und Idealen entspricht methodisch unterdrückt. Ein kritisches Auseinandersetzen mit Themen und Ansichten ist nicht nur nicht erwünscht sondern schlichtweg unmöglich. Die etablierte Mainstream-Meinung versucht jede Debatte im Keim zu ersticken und stellt mittlerweile außerdem alles und  jeden in die Ecke der Verschwörungstheoretiker, Rechten, Aluhutträger und Rassisten. Die latente Angst, Opfer eines Shitstorms des Twitter-Mobs oder öffentlich medial gekreuzigt zu werden, führt zu dem, was man „Schere im Kopf“ Prinzip nennt. Menschen haben Angst ihre Meinung zu außern. Wer beispielsweise kritisch zu den Black-Lives-Matter-Randalen steht oder tatsächlich die „politisch unkorrekte“ Position vertritt, dass Transfrauen im biologischen Sinn keine „echten“ Frauen sind, sollte dies tunlichst verschweigen – oder zumindest dann, wenn er im öffentlichen Raum arbeitet.

Die „Cancel Culture“ ist Gift für ein gesundes und vernünftiges Miteinander auf Augenhöhe.

Prominente Beispiele der „Cancel Culture“

Seit dem Mord an dem Afroamerikaner George Floyd wird der Kampf gegen den Rassismus in den USA als das grundlegende Prinzip ethischen Handelns verstanden. Dabei geht es natürlich vor allem um kulturelle und ideologische Fragen, die sich eher auf der abstrakten Ebene bewegen. Für sozioökonomische Ansätze ist da kein Raum. Es geht um Schwarz und Weiß und nicht um Oben und Unten, Reich und Arm. Der Täter ist der Weiße, privilegiert wegen seiner Hautfarbe, und insbesondere der weiße Mann, privilegiert durch Hautfarbe und Geschlecht – egal ob er in einem Penthouse in der 5th Avenue oder im Trailerpark lebt. Der Stützpfeiler seiner Macht ist in dieser Ideologie auch nicht das asoziale System der USA, das den Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem und zu den einflussreichen Positionen in Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft von der materiellen Herkunft abhängig macht, sondern die kulturelle Hegemonie der weißen „Rasse“ und natürlich das Patriarchat.

Vom Shitstorm verweht

Gemäß dieser vereinfachten und falschen, da oberflächlichen, Herleitung verschiebt sich natürlich auch das Bild des Anti-Rassismus. Da gilt es dann als anti-rassistische Großtat, den achtfach oscarprämierten Filmklassiker „Von Winde verweht“ aus dem Programm zu nehmen. Der Film sei „voller rassistischer Vorurteile“, so der US-Kabelfernsehanbieter HBO. Natürlich ist er das. Der Film ist im Jahre 1939 entstanden und damals waren die USA eine von rassistischen Vorurteilen geprägte Gesellschaft. Man darf nicht vergessen, dass das Land, das den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mittels Re-Education den Rassismus austreiben und die Demokratie beibringen wollte, bis in die 1960er hinein selbst eine strenge Rassentrennung praktizierte, in der Afroamerikaner de facto kein Wahlrecht hatten. Diese Vergangenheit wird nicht dadurch besser, dass man Zeitdokumente dieser Ideologie verbannt und damit aus dem Bewusstsein tilgt.

Die Entscheidung von HBO war eine direkte Reaktion auf einen Meinungsartikel des afroamerikanischen Autors und Regisseurs John Ridley in der Los Angeles Times, der von zahlreichen Twitter-Nutzern für einen Shitstorm gegen HBO aufgegriffen wurde. HBO knickte ein, nahm den Film aus dem Archiv und löste damit eine internationale Debatte aus, ob die Zensur aus Gründen der politischen Korrektheit mittlerweile zu weit ginge. Letzten Endes stellte HBO den Film wieder ein – nun mit einem Vorwort von einer afroamerikanischen Historikerin.

Die Löschung von „Vom Winde verweht“ ist dabei nur die Spitze einer teils grotesken Reihung von Zensur und Selbstzensur im Namen des Anti-Rassismus. So hatte die BBC die berühmte „Don´t mention the war“-Episode der britischen Comedy-Serie „Fawlty Towers“ jüngst ebenfalls aus ihren Archiven gelöscht – angeblich sei John Cleeses subversive Satire eine Beleidigung für Deutsche. Das ist grotesk, macht Cleese sich doch in dieser Episode über die Briten lustig, die alten Stereotypen aus dem Zweiten Weltkrieg anhingen.

Wer nicht im politisch korrekten Mainstream segelt, verliert seinen Job

„Cancel Culture“ geht jedoch weit über das Löschen vermeintlich „böser“ historischer Dokumente hinaus. Man hat es auch auf das Löschen von „bösen“ Personen aus dem öffentlichen Leben abgesehen. Eine solch „böse“ Person ist beispielsweise der Autor und Journalist Ian Buruma. Der hatte es als Redakteur des New York Review of Books gewagt, ein Essay des damals wegen fünffacher sexueller Nötigung angeklagten kanadischen Talkshow-Hosts Jian Ghomeshi zu veröffentlichen. Die Hölle brach in Form eines Twitter-Shitstorms über Buruma und seinen Arbeitgeber los, der sich genötigt sah, Buruma fristlos zu entlassen – er habe entgegen der redaktionellen Praxis den Artikel im redaktionellen Prozess nur einem männlichen Redakteur vorgelegt.

Seinen Job verlor auch Stan Wischnowski. Er hatte als leitender Redakteur für den Philadelphia Inquirer einen Artikel mit der Überschrift „Buildings matter, Too“ verantwortet, der die Randale bei den Black-Lives-Matter-Ausschreitungen kritisierte. Diese Überschrift entfachte einen Twitter-Shitstorm, vor dem der Inquirer einknickte; ein Schicksal, das auch die berühmte New York Times wenige Tage später ereilen sollte. Dort hatte der Meinungschef James Bennett einen Op-Ed-Kommentar des republikanischen Senators Tom Cotton verantwortet, in dem Cotton unter der Überschrift „Send in the troops“ für den Einsatz des Militärs gegen gewalttätige Black-Lives-Matter-Demonstranten warb. Auch hier folgte ein Shitstorm, auch hier sah sich das Blatt gezwungen, sich vom verantwortlichen Redakteur zu trennen, auch hier nannte man keine inhaltlichen, sondern formale Gründe – Bennett habe gegen die redaktionellen Richtlinien verstoßen.

Das ist in diesem Fall geradezu grotesk, ist das Op-Ed-Format (kurz für „opposite the editorial page”) doch ein aus angloamerikanischen Zeitungen bekanntes Format, bei dem Gastautoren per definition eine Position einnehmen, die der redaktionellen Linie widerspricht. Ein kleines Stück Meinungspluralismus, das jedoch in Zeiten von „Cancel Culture“ dem wütenden Twitter-Mob geopfert wird.

Rassismus ist ein Tabu, Kriege vom Zaun brechen nicht

Wie verlogen und heuchlerisch diese Entwicklung ist, zeigt die Personalie Bennett. Bennett trat als Meinungschef die Nachfolge von Andrew Rosenthal an, der das Amt für neun Jahre innehatte. Zuvor hatte Rosenthal als leitender Redakteur bei der New York Times die Berichte der Times-Reporterin Judith Miller verantwortet, die 2003 die gefälschten „Beweise“ für die angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins bei der Times veröffentlicht und damit den Irakkrieg der Bush-Regierung massiv herbeigeführt hatte. Gegen Kritik – wie sie beispielsweise seinerzeit von Seymour Hersh kam – nahm Rosenthal Miller offensiv in Schutz.

Später musste selbst die Times eingestehen, dass sie Fake News gebracht hatte, der verantwortliche Redakteur Rosenthal wurde jedoch nicht entlassen, sondern befördert. Er hatte ja auch nichts politisch Unkorrektes geschrieben und Fake News, die einen Krieg auslösten, der hunderttausende Irakis tötete, haben offenbar auch nicht das Zeug, die selbstgerechte Twitter-Gemeinde zu interessieren.

„Cancel Culture“ in Deutschland

Ein Paradebeispiel für deutsche „Cancel Culture“ ist die letzte Folge der eigentlich ja kritischen ZDF-Sendung „Die Anstalt“, in der u.a. Karl Marx und Hannah Arendt mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten als Rassisten dargestellt und metaphorisch als Denkmäler vom Sockel gestoßen werden sollten. Das ist verkürzte Schmähkritik, die gar nicht erst den Anspruch auf einen argumentativen Dialog hegt. Hier geht es um systematische Boykottierung, Verbannung und Annullierung – Gegenstimmen unerwünscht.

Die Beispiele der „Cancel Culture“ könnten noch ins unermeßliche weitergeführt werden…

Ein Kommentar zu „Intoleranz – die „Cancel Culture“

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